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Porträt Bärbel Ortner, Frauenkämpferin im Lammertal

erschienen in: "Bewegte Menschen" - ProjektträgerInnen im Porträt
LEADER+ Österreich 2000-2006 - Ein Booklet by ÖAR Regionalberatung

Die Demut vor den Männern abgelegt

Die Gastwirtstochter und Hausfrau Barbara Ortner hat es im Salzburger Lammertal bis zur Vizebürgermeisterin gebracht. Heute betreibt sie in Abtenau ein Frauenzentrum und ist zur Lokalikone weiblicher Selbstbehauptung geworden.

Mitunter fällt es ihr schwer, vor gewissen Männern Respekt zu haben, denn „manche bringen nicht grad viel auf die Beine“, meint Barbara Ortner. „Die traun sich, Jobs und Funktionen zu übernehmen, auch wenn sie keine Ahnung haben. Und dann sitzen sie auf dem Posten und leisten fast nix. I trauat mi sowas gar net.“ Barbara Ortner echauffiert sich aus gutem Grund. Ständig sprudeln aus ihr neue Ideen hervor, für die Gemeinde, für die Region. Umgesetzt wird vieles erst Jahre später, die Lorbeeren erntet dann meist ein Mann: Sei es der Internetanschluss in Rußbach, der soeben eröffnete Wasserpark oder die geplante Rußbach-Card für Touristen. Lauter Projekte, die sie initiiert hat, für die jedoch am Ende Männern auf die Schulter geklopft wird. Und hofiert wollen sie dann auch noch werden, diese Mannsbilder. Barbara Ortner erinnert sich an eine Mahlzeit mit dem vorvorigen Bezirkshauptmann und fängt an zu glucksen. Sie hat damals das Essen serviert. Der Bürgermeister ist ganz aufgeregt gewesen und hat die anwesenden Frauen angewiesen, zum Bezirkshauptmann „Herr wirklicher Hofrat“ zu sagen, „denn das will er unbedingt hören.“ Als Ortner zuerst den Damen am Tisch die Suppe einschenken wollte, ist der Bürgermeister gleich dazwischengefahren: „Zuerst dem Herrn wirklichen Hofrat servieren!“ Der habe huldvoll genickt und dann doch den Damen den Vortritt gelassen. Wen wundert es, dass sich die Chancengleichheit schwer tut, angesichts von so viel immer noch vorhandener Untertänigkeit. Aufbegehrende wie Barbara Ortner haben da mitunter keinen leichten Stand. Manche Männer mögen eben keine selbstständigen Frauen, sinniert die engagierte Leiterin des lokalen Frauenvereins „Herztöne“. Sie sei eben eine, die agiert und nicht bloß reagiert – und dass sei einigen Männern unheimlich.

Keine Dulderin

Barbara Ortner bezeichnet sich als Spätzünderin. Eine höhere Schule durfte sie nicht besuchen, obwohl sie gerne gewollt hätte. Aufgewachsen ist sie in einem Gasthaus, bereits in ihrer Jugend hat sie mitgeschuftet. Mit neunzehn heiratete Ortner und bekam rasch zwei Töchter. Dann kam die Scheidung, zur damaligen Zeit noch ein Affront: „Ich konnte das nur durchziehen, weil wir das Gasthaus hatten und ich dort mit den Mädchen wohnen durfte“, erinnert sich Ortner an harte Zeiten: Damals schupfte sie neben dem Alleinerzieherinnen-Dasein auch noch das Gasthaus ihrer Mutter. Bis zu vierhundert Leute verköstigte sie mittags, als die Mutter schwerkrank im Spital lag. Die Wirtschaft bekam dann trotzdem Barbaras Bruder übertragen, der den blühenden Betrieb innerhalb von drei Jahren in den Bankrott getrieben hat. „Ich bin zwar weiterhin kochen gekommen, aber er hat die Rechnungen nicht bezahlt. Es gibt halt Männer, die können net wirtschaften.“ Als Konsequenz aus dieser Niederlage setzte sie später die höhere Schulbildung für ihre Töchter durch, „denn ich weiß, wie das ist, wenn man viel kann, aber der Bildungshintergrund fehlt.“ Ihr zweiter Mann war nicht gewillt, die Ausbildung der Mädchen zu unterstützen, und so kam die mittlerweile dreifache Mutter allein für die Schulbetreuung ihrer Töchter auf. Sie nahm dafür eine Stelle beim Salzburger Magistrat an und vermietete zu Hause in Rußbach Zimmer an Touristen.

Rote Kämpferin

In diesem entbehrungsreichen Lebensabschnitt hat sie „wie ein Tier“ gearbeitet. Glücklicherweise wurden zu jener Zeit die Schul- und Heimbeihilfe eingeführt. Diese Unterstützungen waren für die Zukunft ihrer Töchter existentiell. „Vorher durften nur die Reichen in die Schul, des hat sich bei mir eingeprägt“, schildert sie dieses Schlüsselerlebnis, das auch ihren Einstieg in die Gemeindepolitik zur Folge hatte, „um die Mächtigen aufzurütteln“. Ihr politischer Auftakt erfolgte mit Bomben und Granaten. Mit ihren SP-Parteikollegen deckte sie gleich zu Beginn einen Hotelbauskandal um den ehemaligen Rußbacher Bürgermeister auf, der den Neubau angeblich falsch ausgewiesen hatte. Ein Mordstheater sei das damals gewesen, die Roten wollten den Bau verhindern. Bis zur Volksabstimmung brachten sie es – doch diese ging zu Ungunsten der Aufdecker aus, und es wurde gebaut. Die folgenden Jahre im Gemeinderat waren sehr lehrreich: „Als Frau musst di wirkli einihängen, sonst wirst nit toleriert. Hingegen die Männer in den Gemeindesitzungen, die wissen nix, und die sagn nix, der Bürgermeister kaut ihnen eh alles vor. Ich geb jeder Frau in der Politik den guten Rat: Zuerst viel fragen, dann genau zuhören und erst sprechen, wenn du dir deiner Sache sicher bist. Das ist die beste Taktik, so kannst du sie festnageln. Blöde Antworten gibt mir heut keiner mehr.“

Die erste Vizebürgermeisterin der Region

Ortner erkundete im Rahmen der Untersuchung des Bauskandals jeden Winkel des Raumordnungsgesetzes. „Ich hab langsam ein Netz aufgebaut, wo ich die Zuständigen fragen konnte, wie es sich genau verhält.“ Aber die Politiker in den Tälern hier seien alle erzkonservativ, egal welcher Couleur. „Sie gehen nicht ab von dem Weg, der vorgezeichnet is, und wer aussetritt, der wird fallen gelassen.“ Nach fünfzehn Jahren rührigen sozialpolitischen Engagements („vom Pflegegeld bis zum Seniorenturnen hab ich mich neben meinem Job um alles gekümmert“) brachte es Barbara Ortner schließlich bis zur Vizebürgermeisterin. Zwischenzeitlich erkrankte sie an Angina Pectoris und bekam einen Bypass. Vom Magistrat wurde sie mit sechshundert Euro Mindestpension in den Ruhestand geschickt. Doch Barbara Ortner kann nicht lange stillhalten und ging auch in der Politik aufs Ganze: „2004 waren wieder Wahlen, und i hab gsagt, entweder i werd jetzt der Chef, oder i hör auf.“ Doch die ÖVP habe „den schönsten Jager im Ort“ aufgestellt, da sei das Ergebnis schon vorherzusehen gewesen. „Er hatte null Erfahrung in der Politik, aber dafür als Obmann des Kameradschaftsvereins an Mordsgamsbart auf.“ Die Menschen hätten das Amt einer Frau halt doch nicht zugetraut, seufzt Barbara Ortner. Nach verlorener Schlacht schied sie aus der Politik aus. Heute zeigt sie sich großmütig und findet, dass es ihr damaliger Rivale „eh ganz gut macht“.

Wer zu früh kommt, wird bestraft

„Es ist mein Schicksal, als Frau aus dem Lammertal meiner Zeit voraus zu sein und dass Männer sich mit meinen Ideen schmücken“, meint die heute 62jährige Barbara Ortner. Resigniert wirkt sie trotzdem nicht. Beim Projekt Rußbacher Wasserpark, der im Juli 2007 eröffnet wurde, sei es wieder einmal so gelaufen. Jahrelang war sie mit diesem Konzept hausieren gegangen und dafür geprügelt worden, bevor es endlich realisiert wurde. Aber das Band hat nun der Bürgermeister durchgeschnitten. „Doch bei den Herztönen passiert mir des nimmer“, meint Ortner und richtet sich auf. Diesen Frauenverein betreibt sie schon seit 1998, doch erst seit 2003 gibt es dank LEADER-Hilfe ein eigenes Büro. Der Verein bietet Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Freizeitaktivitäten für Frauen an. Als Politikerin hat Ortner mitbekommen, welche Probleme Frauen in der Familie haben: „Die Männer bestehen auf der traditionellen Rolle. Die Frau darf keinen Schritt alleine tun und soll dem Mann dreimal täglich das Essen richten. Aber Männer san ja keine kleinen Kinder.“ Mit verschiedenen Kursen versucht sie, die Frauen aus ihrem Schneckenhaus zu locken, damit sie Vertrauen fassen und bereit sind, über ihre Probleme offen zu sprechen. „Frauen brauchen Ausbildungsmöglichkeiten und mehr Kinderbetreuung, damit sie endlich selbstbewusster werden. Aber bis die Frauen bei uns im Tal sich wirklich drübertrauen, das dauert.“

INTERVIEW: Sich endlich auf die Füße stellen!

Frau Ortner, Sie werden in der Region als wichtige Identifikationsfigur für Frauen angesehen, als wahrhaft starke Frau.

Bereits meine Großmutter war eine starke Frau, und meine Mutter war als Wirtin in der gesamten Region angesehen. Ich weiß noch, als unser Vater nach Jahren der Kriegsgefangenschaft heimkam, wollten meine Schwester und ich, dass er wieder wegfährt. Unsere ganze Weiberidylle war auf einmal zerstört, er war uns fremd. Die Frauen waren mir immer sehr wichtig, obwohl sie ein undankbares Volk sind. Sie sind die ärgsten Kritikerinnen ihrer selbst. Aber ich halte viel von ihrer Tüchtigkeit.

Mit den „Herztönen“ kümmern Sie sich um die Anliegen der Frauen in der Region.

Das Salzburger Büro für Frauenfragen hat uns vor der Vereinsgründung zu sich zitiert, was wir überhaupt wollen. Wir haben gesagt, wir möchten auch so ein Angebot wie in der Stadt haben. Warum sollen die Frauen in der Peripherie dumm sterben? Wir bräuchten dringend ein größeres Büro mit eigenen Seminarräumen. Jeder Ortsverein hat mehr Platz zur Verfügung als wir. Was Lokalvereinen zugestanden wird, müsste auch dem Frauenverein eingeräumt werden, schließlich sind wir die Mehrheit der Bevölkerung. Bis heute kämpfen wir um finanzielle Unterstützung und darum, dass die Notwendigkeit eines Frauenzentrums im Lammertal anerkannt wird.

Was sind die wichtigsten Anliegen der „Herztöne“?

Es gibt nur eines, damit Frauen selbstständiger werden, und das ist Lernen. Die Frauen brauchen Weiterbildung, vor allem die Wiedereinsteigerinnen. Nur so werden Frauen selbstbewusster. Unsere Kurse sind sehr gut besucht, seien es PC- oder Sprachkurse. Bei uns gibt es viele Witwen, die immer nur für ihren Mann da waren. Nun stehen viele da und fühlen sich einsam. Aber einen Freundeskreis kann man nicht herbeizaubern, wenn man immer nur am Mann eingehängt unterwegs war. Die Kurse dienen auch dazu, dass die Frauen aus ihrem Kokon herauskommen.

Für manche Frauen sind Sie auch zur Langzeitberaterin geworden.

Ich begleite Scheidungen, denn die Rechtsanwälte sind meistens Männer, und die machen sich das dann untereinander aus. Bis vor kurzem hab ich eine Frau unterstützt, die von ihrem Mann verlassen wurde. Nun sitzt sie mit ihrem Kind allein im Haus, hat einen Haufen Schulden und einen schlecht bezahlten Halbtagsjob. Bei der Scheidung wollte er fürs Kind 300 Euro Alimente zahlen, sonst nichts. Daraufhin haben wir uns Rechtsberatung geholt. Im Endeffekt wurden der Frau 400 Euro für die Tochter und 100 Euro für sich zugesprochen. Trotzdem hab ich dem Richter gesagt: Wenig ist das schon, ihr treibt die Frauen alle in die Armut. Wovon soll die Frau jetzt mit ihrem Kind leben, wie soll sie die Schulden bezahlen?

Sie kämpfen auch für mehr Kinderbetreuung im Lammertal.

Ja, ich hab immer schon längere Kinderbetreuungszeiten im Gemeindekindergarten gefordert. Die Leiterinnen der Kindergärten haben sich mit Händ und Füß dagegen gewehrt. Die Kindergärten waren den ganzen Sommer über geschlossen, und die Öffnungszeiten unterm Jahr waren nicht den heutigen Arbeitszeiten angepasst. Die Gemeinden und die Mütter haben es toleriert und sich nicht getraut, dagegen aufzumucken. Eine Mutter hat mir erzählt, die Kindergärtnerin hätte böse reagiert, als sie ihr den Buben auch im Sommer bringen wollte. Die hat net bös zu sein, hab ich gesagt. Die hat Anspruch auf vier Wochen Urlaub und eine Woche Bildungsurlaub, mehr nicht. Heute gibt es einen Privatkindergarten mit Öffnungszeiten bis in die Abendstunden. Die Bürgermeister sind nicht erfreut darüber, nun sind die Gemeindekindergärten gezwungen, ihre Betreuungszeiten auszuweiten. Ich hab das gemeindeübergreifende Projekt jedenfalls voll unterstützt, denn für Pendlerinnen ist es ideal. Da haben sich Frauen endlich einmal selber organisiert.

Wie war Ihre Zeit als Vizebürgermeisterin?

Sie war sehr lehrreich, aber zu Hause war das Thema tabu. Mein Mann war immer gegen meine Aktivitäten und hat sich darüber ausgeschwiegen. Er hat nur in der Zeitung darüber gelesen. Ich brauche eben viel Freiraum, aber mit den Männern meiner Generation ist das nicht so einfach.

Was tun Sie in Ihrer Freizeit?

Ich lese viel, Zeitungen und Bücher, vor allem über den Zweiten Weltkrieg und die Zeit des Nationalsozialismus. Weil wir darüber im Geschichtsunterricht nichts gelernt haben. Ich bin mir sicher, ein Phänomen wie der Hitler kann jederzeit wieder kommen. Das erschreckt mich, und ich frag mich, was kann man dagegen tun. Man hört es ja heute ständig: die Ausländer. Das sagen die bravsten, liabsten Hausfrauen, die das ganze Jahr mit keinem Ausländer in Berührung kommen. Die sagen: Die brauch ma net, vor die fürcht ich mich. Ich frage dann: Wieso fürchst di? Die haben dir nix getan. Das erschreckt mich, da muss man gegensteuern. Die LammertalerInnen müssen verstehen, dass wir in einer globalen Welt leben, wir können uns nicht abschotten. Aber das steckt tief.