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Das Donnern der Eisgletscher

Kurzfassung Ersterscheinung: www.w-fforte.at
Langfassung: "Darwins Schwestern - Naturforscherinnen und Biologinnen im deutschsprachigen Raum", Orlanda Verlag, Erscheinungstermin Frühling 2009

„Im Eis erfährt man, was einen wirklich bewegt und wozu man fähig ist, die eigenen Grenzen auszuloten.“

Eisforscherin Birgit Sattler zeigt, dass Leben auch im ewigen Eis möglich ist und erlebte, wie die weiße Weite der Antarktis sie unbezwingbar machte.

Wer hätte gedacht, dass so viele Farben schillern an jenem Ort, wo alles weiß ist. In der Antarktis, wo es nur Schnee, Eis und Wüste gibt, hat die Innsbrucker Polarforscherin Birgit Sattler alle Farben des Regenbogens erlebt: Wie der Lichteinfall zu Mittag die Eisfelsen blau bricht, wie die Abendsonne alles in satte Orangetöne taucht. Sogar die knallgelben Zelte, in denen sie und ihr Team bei minus vierzig Grad Außentemperatur geschlafen haben, wurden gelber: Gleich riesengroßen Blüten, denen die Bienen zuströmen: „Man empfindet ein bisschen anders dort draußen“ sagt sie. Oder vielleicht nimmt man bloß alles intensiver wahr und die Dinge werden echter. Birgit Sattler hat ihr Berufsleben der Limnologie – der Süßwasserforschung – gewidmet, Polarreisen sind ihr zur Sucht geworden: Die Assistentin am Innsbrucker Universitätsinstitut für Ökologie hat bereits zehn Polar-Expeditionen hinter sich: In die Arktis, dem nördlichsten Punkt der Erde zwischen Grönland und Russland, Heimat der Eisbären und Inuit, Jakuten und Samen, wo zur Sommersonnenwende 24 Stunden lang die Mitternachtssonne strahlt.

Reise zu den eigenen Grenzen

Auch am Südpol war sie, der untersten Kappe der Erdkugel, jenem menschenleeren antarktischen Kontinent, der mit minus 55 Grad Durchschnittstemperatur der kälteste Punkt der Erde ist: von Ozeanen umgeben, angrenzend an die Südzipfel von Argentinien und Chile, Australien, Neuseeland und Afrika. Heimat der Pinguine, Kleinkrebse, Seehunde und Meeresvögel sind die Eisschichten dort bis zu viereinhalb Kilometer dick. In diesem geschützten Ökosystem hat die Abenteurerin einige der unzähligen tiefgekühlten Meteoriten untersucht, die aus dem Weltall herunter geplumpst sind und sich in den antarktischen Eiswüsten angesammelt haben. Dieser Kältepol der Erde ist ein idealer Ort für die Untersuchung von Meteoriten: sie sind dort bestens bestens konserviert, da das eisenhältige Gestein dort durch die Trockenheit nicht rosten kann. „Ewig dankbar“ ist Birgit Sattler für jede Expedition, an der sie teilnehmen durfte, jede Tour ins Eis wurde zur Reise in die eigene Seele. Dort zu sein, wo sonst nichts ist, ein unbeschreibliches Gefühl: „Wie, wenn man in etwas ganz Großem drinnen steckt“. Auf einem polaren Plateau zu stehen oder zu einem Gletscher hinauf zu schauen, das ist so gewaltig, „man spürt, man könnte alles schaffen“, versucht sie das Gefühl der Grenzenlosigkeit in Worte zu fassen.

Schokolade in der Arktis

Vielleicht ist es das: Dort draußen im eisigen Nichts auf sich selbst zurückgeworfen werden, eigene Grenzen überwinden. Sich wochenlang bei minus vierzig Grad Außentemperatur zu bewegen und mit stets klammen Gliedern Eisbohrer und Mikroskop zu hantieren, eine harte Herausforderung: „Man lernt viel über sich und über das, was wirklich wichtig ist“, bestätigt Sattler und beschreibt, wie schlecht ihre Laune zu Anfang der ersten Reise war. Aufgrund der lähmenden Kälte, die in den Körper kriecht, sich dort ausbreitet, nie verschwindet. Wer jetzt denkt, dass Forschende für eine solche Reise mit einer Art High-Tech-Anzug mit eingebauter Heizung ausgerüstet werden, der irrt: Birgit Sattler fuhr mit schlichter Daunenjacke und Angora-Unterwäsche, ihr Vater gab ihr noch seine Alpin-Expeditions-Ausrüstung aus den siebziger Jahren auf den Weg: „Man muss sich halt mehr bewegen und 5000 Kalorien pro Tag zu sich nehmen, viel Nüsse und Schokolade“, so ihr profanes Rezept gegen klirrende Kälte.

In den Bergen zu Hause

Aufgewachsen ist die Eisextremistin in einem Dorf in Tirol. Viel draußen sein, in den Bergen wandern, das gehörte zu ihrer Kindheit. Die Sehnsucht nach eisigen Abenteuern liegt bei ihr in der Familie. Der Opa war ebenfalls Naturwissenschaftler, unterstützte die Enkelin beim Lernen für die Schule und las Abenteuer von Polarexpeditionen vor. Birgit Sattlers Kindheitshelden waren berühmte Eisbezwinger wie Roald Amundsen oder Ernest Shackleton. Stets hat sie davon geträumt, es diesen Verwegenen eines Tages gleich zu tun, „aber jeder hat mir gesagt, das ist nicht machbar“. Der Rest war Schicksal und wissenschaftliches Können, wobei sie bei allem, was sie tat, auf die Unterstützung ihrer Familie zählen konnte: Studium der Biologie, anheuern als Assistentin am jetzigen Innsbrucker Universitätsinstitut für Ökologie und dort schließlich „in die gefrorene Abteilung“ gerutscht, da das Institut sich schwerpunktmäßig der Hochgebirgsforschung widmet: in ihrer Doktorarbeit befasste sie sich mit jenen subtilen Lebensformen, die in hochalpinen Seen aufzuspüren sind.

Die Berghütte als Forschungslabor

Eigentlich konzentriert sich die Limnologie auf die Erforschung des flüssigen Süßwassers, doch aufgrund der neuen Klimaphänomene gibt es immer mehr Berührungspunkte mit der Glaziologie – der Gletscherforschung. „Heute verschmelzen Eis- und Wasserwissenschaft ineinander, ein neuer, interdisziplinärer Forschungszweig ist im Entstehen“, erklärt Birgit Sattlers Chef Prof. Roland Psenner, Leiter des Innsbrucker Universitätsinstitutes für Ökologie. Er war ihr Mentor von Anfang an, als Frau wurde sie von ihm stets gefördert: Psenner übertrug ihr kurz nach ihrem Einstieg an der Uni 1994 die Leitung der limnologischen Forschungsstation auf 2400 Meter. So trieb die gelände-erfahrene Birgit Sattler ihre Studentinnen und Studenten den Berg hinauf, um Eisproben für die Laboranalyse vor Ort zu entnehmen. Durch ihre Initiative hielt eine praxisbezogenere Universitätslehre Einzug. Zwar ist es aufwendig, die Versorgung von zwanzig Studierenden auf einer Hütte zu organisieren, aber „sie kriegen einen anderen Bezug zum Gegenstand, wenn sie sich das selber am Berg oben erarbeiten“, ist Sattler überzeugt.

Mikroben als Flussdünger

Gemeinsam mit ihren Studentinnen und Studenten und ihrem Professor hat Sattler viel dazu beigetragen, die Menschen für die Empfindlichkeit des Lebensraums Alpen zu sensibilisieren. Die Innsbrucker Limnologinnen und Limnologen haben beispielsweise bewiesen, dass die Eisdecken von Hochgebirgsseen hochaktive Ökosysteme sind, dass im Winter in einem zugefrorenen See die meiste mikrobakterielle Aktivität innerhalb der Eisdecke und nicht in den Wassertiefen stattfindet. Die Innsbrucker Forschungsgruppe hat gezeigt, dass Mikroben wie Dünger auf dem Eis liegen und den Anfang einer langen Nahrungskette darstellen. Im Eis herrscht ein munteres Schmausen: Die kleineren fressen die größeren Mikroben, bis hinunter in die Flüsse und Bäche. Als sie diese neuen Erkenntnisse im Rahmen eines Vortrags in den USA darlegte, trat wieder das Schicksal auf den Plan: „Auf einmal stand John Priscu, ein anerkannter Polarwissenschaftler der Montana State University (USA) vor mir, und hat mich zur nächsten Antarktis-Expedition eingeladen, weil meine Forschungsthema genau zu dem seinen gepasst hat. Ich konnte mein Glück kaum fassen.“ Der Kindheitstraum wurde wahr. In der Zwischenzeit ist sie zum Polarprofi geworden – im Dezember 2008 unternahm sie bereits ihre zehnte Kälte-Expedition. Stets war die noch Kinderlose eine der ganz wenigen Frauen im ewigen Eis, doch das hat sie nie als störend oder behindernd empfunden. Was sie immer wieder in die Kälte zieht? „Dass man sich dort auf das konzentrieren muss, was wesentlich ist.“ Alltagsablenkungen gibt es in den Eiswüsten nicht.

Verschmelzen mit den Gletschern

Besonders beeindruckt war die 39jährige von den „Dry Valleys“ in der Antarktis. Eisfreie Sandwüsten, die nur mittels Hubschrauber erreichbar sind, einer Mondlandschaft gleich, mit zugefrorenen Seen und Sandgeröll. In der völligen Stille ist nur das brüllende Heulen der Windstürme zu hören. Oder das Hallen des zerberstenden Eises, wenn die Trümmer die Gletscherfront hinunter donnern. Ans „Peitschenknallen in unserem Dorf im Fasching beim Winteraustreiben“ habe sie dieses Geräusch erinnert. Frei und unbesiegbar fühlt sich Birgit Sattler am Polar, obwohl man in jedem Moment extrem verletzlich sei, denn Gefahren lauern überall. Daher müssen Forschende ein eigenes Überlebenstraining absolvieren: Über Nacht wurde Sattler mit ihrem Team ausgesetzt, nur mit der nötigsten Grundausrüstung ausgestattet. Gemeinsam mussten sie entscheiden, ob sie aufgrund der Wetterlage zur Übernachtung besser ein Iglu bauten, eine Schneehöhle gruben oder doch das Zelt aufstellten – eine wahrlich harte Nacht. Ungeachtet all dieser Strapazen zieht es Sattler immer wieder in polare Regionen, um ihre Forschungen weiterzutreiben. Die bisherigen Ergebnisse erregen bereits internationales Aufsehen.

Leben auch im tiefsten Eis

Heute weiß man – auch dank Sattlers Forschungen – dass die Pole und alpinen Gletscher keine sterilen Eiswüsten sind, sondern dass sich Leben unter den widrigsten Umständen entwickelt. Bei minus 50 Grad überleben Mikroorganismen, Einzeller, die ihren Stoffwechsel erstarren lassen und oft ein ganzes Jahr brauchen, um sich in Zeitlupe zu teilen. Wer in der Arktis beim Wandern auf eine Flechte tritt – eine moosartige Symbiose aus Alge und Pilz – dessen Fußabdruck bleibt jahrhundertelang eingefroren. Denn dieses extrem langsam wachsende Wesen benötigt im Extremfall bis zu 500 Jahre, um sich wieder aufzurichten. Sattler hat am Polar auch Bakterien mit Gefrierschutz entdeckt: sie besitzen ein Protein, welches es ihnen ermöglicht, ohne Schaden aufzutauen und wieder einzufrieren. Umso weitreichender werden die Konsequenzen des Klimawandels sein, prophezeit sie, denn diese Bakterien binden zahlreiche Schadstoffe, die nun, beim klimawandelbedingten Abschmelzen der Eismassen, freigesetzt werden.

Die Wolken leben

Später erforschte sie die Aktivitäten von Kleinstorganismen in den Wolken. Die Erkenntnis, dass die Wolken leben, dass sich Mikroorganismen sogar bei 37 Grad Minustemperatur in der Atmosphäre reproduzieren und Stoffwechsel betreiben, indem sie Kohlenstoff abbauen und aufbauen, hat damals großes Aufsehen erregt. Ihre Wolkenforschung beweist, dass die Atmosphäre ein lebendiges Ökosystem ist, dass Schadstoffe in der Luft abgebaut, aber auch in andere Regionen verbreitet werden. „Leben ist überall“, so Birgit Sattlers wichtigste Erkenntnis, in eisigen Lüften ebenso wie auf alpinen Gletschern und im ewigen Polareis. Diese kältesten Regionen der Erdkugel sind hochaktive Ökosysteme, Eismikroben bilden den Anfang einer langen Wassernahrungskette und tragen schließlich aufgrund des mikrobiellen Stoffwechsels zur Wasserqualität der Flüsse in tieferen Bergregionen bei, wie die Forscherin gemeinsam mit ihrem Team herausgefunden hat. Eismikroben absorbieren CO² und halten die Erderwärmung auf, das Abschmelzen der Pole beschleunigt hingegen den Treibhauseffekt. Heute hat sich die Ökologin dem Erhalt des vom Klimawandel und Tourismus bedrohten antarktischen Kontinents verschrieben und kämpft als Antarktis-Vertrags-Delegierte Österreichs für dessen Schutz. Zahlreiche Preise hat Sattler, die bis heute eine schlichte halbe Assistentinnen-Stelle inne hat, erhalten: etwa den “Antarctic Service Polar Medal“ der amerikanischen „National Science Foundation“ im Jahr 2002. Ein Jahr später den “President´s Outstanding Service Award” der „Planetary Studies Foundation“. Den „Air & Space Award“, den sie 2008 erhielt, bekam vor ihr auch die Gorilla-Forscherin Jane Goodall zuerkannt. Ihr nächstes Projekt: Habilitieren und erneut die Gletscher der Antarktis besteigen.

„Entweder man erlebt den Polar als riesengroßes Gefängnis oder als riesengroße Weite.“