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„Hier spürt man den lieben Gott“

erschienen in: "Bewegte Menschen" - ProjektträgerInnen im Porträt
LEADER+ Österreich 2000-2006 - Ein Booklet by ÖAR Regionalberatung

Regionalentwickler Georg Zöhrer liebt die mythische Kraft der Südsteiermark und hat auch nach einem folgenschweren Unfall seine Gelassenheit bewahrt.

Die Sonne streichelt die hügelige Landschaft, lauter winzige Weingärten verlaufen steil bergauf und bergab, umrahmt von blumigen Wiesen und malerischen Wäldern – ein umwerfend liebliches Bild offenbart sich dem Betrachter hier im südsteirischen Sausalgebiet. Zur Einstimmung auf das LEADER-Interview hat Georg Zöhrer, Obmann des Regionalentwicklungsvereins „Mythenreich südsteirisches Weinland“, durch Hügel und enge Straßen an seinen persönlichen Lieblingsfleck geführt, eine Randregion der Tourismushochburg Kitzeck. Hierher findet nur, wer sich abseits der touristischen Trampelpfade wagt. Wir kommen zu einem abseits gelegenen Buschenschanken, den nur Einheimische kennen. Zwar hat er am Vormittag geschlossen, doch die Holzpforte zum Gastgarten lässt sich öffnen, und man kann sich hineinschleichen, um den zauberhaften Blick auf das Weingartenparadies zu genießen – ein Augenblick wahrer Stimmigkeit.

Aug in Aug mit dieser Landschaft möchte Georg Zöhrer spürbar machen, wie der Regionalentwicklungsverein, dem er vorsteht, zu seinem Namen kam. „Wir sind damals mit unserem PR-Mann zusammengesessen, um uns über unsere Empfindungen für unsere Heimat klar zu werden“, erinnert sich Georg Zöhrer. „Dieses Hügelland ist voll von Gschichtln, voll von Mythen. Hier ist nicht einfach ein Fleckerl Wiese und ein schöner Wein. Hier schaut man anders zum Himmel, hier spürt man den lieben Gott.“ In der Südsteiermark wird die „Slow“-Philosophie gelebt. Um die Landschaft zu entdecken, braucht man Muße, um stehen zu bleiben und über „Dinge zu staunen, die man im Alltagsstress verlernt hat. Abschalten. Spüren, dass man mehr ist als ein Büromensch.“

Andere mitreißen

Georg Zöhrer hat zu seiner Heimat eine starke Bindung: „Wenn ich mich frage, was ich bin, so sage ich, ich bin Europäer, Österreicher und Steirer. Aber in erster Linie bin ich Südsteirer, weil ich hier daheim bin.“ Zum Heimatgefühl gehört für ihn Überschaubarkeit, Begrenztheit. Ein verwurzelter Mensch ist er, der jedoch nicht nur seine Heimat spürt, sondern auch ihre Bewohner, denn Georg Zöhrer ist ein ausgeprägtes Sozialwesen. Nach seinem Lehramtsstudium ist er in seinen Heimatort Großklein zurückgekehrt und hat in der Dorfschule unterrichtet. Gleichzeitig wurde er Mitglied von örtlichen Vereinen und Initiativen. „Ich hatte stets das Bedürfnis, meine Visionen gemeinsam mit anderen umzusetzen. Ich bin begeisterungsfähig und kann andere mitreißen.“ Dass Resultat dieses philanthropischen Elans war beispielsweise eine dorfeigene Wasserleitung, welche die Gemeinde ohne Fachfirma in Selbstregie gelegt hat. Bis heute ersparen sich die Ortsbewohner dadurch einen Großteil der kommunalen Abgaben. Für dieses eigenwillige Projekt habe es damals viel Zivilcourage gebraucht, erinnert sich Zöhrer: „Unser Bürgermeister wusste, wir können uns das anders nicht leisten. Also hat er Profifirmen auf die Finger geschaut, und schließlich haben wir sechzig Kilometer Wasserleitungen und Kanäle selbst gebaut. Damit haben wir auch Arbeitsplätze geschaffen.“ Der Bürgermeister war damals Bauaufsicht und Planer in einer Person, er legte sich gegen behördliche Vorgaben quer und vertrat seine Meinung gegen mächtige Widerstände. Heute sind die autonomen Wasserleitungen der Gemeinde Großklein akzeptiert. Derlei Erfolge sind ganz nach Georg Zöhrers Geschmack: „Für mich ist es wichtig, kritisch zu sein, keine Angst zu haben und alles zu hinterfragen.“

Konflikte mit Empathie umschiffen

Doch Georg Zöhrer ist nicht nur ein Mann der Eigenständigkeit, sondern auch ein Mann des Ausgleichs. Der Lokalmatador gilt als Geheimwaffe gegen verhärtete Fronten, wenn Konflikte mit Behörden, Politikern oder Obmännern anstehen. Stets kann er beruhigen und versöhnen. „Ich hab sogar in der Politik Menschen getroffen, auf die man sich verlassen kann, auch mit Beamten konnte ich gute Erfahrungen machen“, beschreibt er die hohe Kunst der Vermittlung. Mitunter brauche es eben einen langen Atem, und den hat Zöhrer: Stets wählt er seine Worte vorsichtig, spricht langsam und besonnen, holt weit aus, umschreibt lange, umschifft Konflikte mit Empathie und Herzlichkeit, zeigt für andere Meinungen Verständnis. Dabei ist er weder Schleimer noch Weichei, seine schlagkräftigste Waffe ist schlicht der unerschütterliche Glaube an das Gute in jedem Gegenüber. „Ich glaube, es gibt überwiegend Menschen, die positiv denken“, meint Georg Zöhrer, der auf die Menschen mit offenem Geist zugeht. Auf Normalsterbliche, die mit Mieselsucht, Alltagsfrust und Aggressionen zurechtkommen müssen, wirkt so viel geballtes authentisches Gutmenschentum beinahe unheimlich. „Ja, es stimmt, ich lass mich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Aber innerlich nagt es trotzdem, auch wenn ich es nicht zeige. Meine größten Krisen muss ich im privaten Bereich bewältigen, da läuft nicht immer alles rund“, weist er den Heiligenschein zurück.

Viele hinter sich versammeln

Nach seiner Zeit als Lehrer avancierte Georg Zöhrer zum Schuldirektor von Großklein, später wurde er auch Bürgermeister. In dieser Doppelfunktion intensivierte er sein soziales und regionales Engagement, führte den österreichweit tätigen Wohlfahrtsverein „Hilfswerk“ in der Region ein und gründete den „Naturpark Südsteiermark“, um Landschaftsschutz und Ökologie voranzutreiben. Damals führte er die 28 Gemeinden seiner Heimatregion in erstaunlich kurzer Zeit zusammen. Gemeinsame Themen gemeinsam anzugehen, Bürgermeister und regionale Akteure hinter einer Idee zu versammeln, das bezeichnet Zöhrer als eine seiner größten Stärken: „Ich akzeptiere, wie andere reden, man kann auch mal in der Wortwahl deftiger werden, aber es gelingt mir meist, eine gemeinsame Basis zu finden.“

Mit der Einführung des LEADER-Programms kam auch noch die Obmannschaft beim „Mythenreich südsteirisches Weinland“ dazu. Schwindelerregend viele Jobs waren das damals, „eine 80-Stunden-Woche war für mich normal“, erinnert sich der Familienvater. Trotzdem habe er diese großteils ehrenamtlich verbrachten Zeiten nicht als Arbeit empfunden, die Begeisterung für die jeweilige Idee stand immer im Vordergrund.

Die Arbeitsintensität erfuhr jedoch ein abruptes Ende, als Georg Zöhrer 2002 einen schweren Autounfall hatte, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Danach war er lange Zeit im Krankenstand, bis heute ist er körperlich stark eingeschränkt. Er kann sich nicht mehr lange konzentrieren und hat bereits bei kurzem Bergaufgehen starke Schmerzen. Diese Handicaps zwangen ihn, in seinem Berufsleben zur Ruhe zu kommen. Georg Zöhrer ist zwar weiterhin engagierter und ehrenamtlich tätiger Obmann des Mythenreich-Projektes, seine anderen Jobs hat er jedoch zurückgelegt. Doch auch in dieser Lebenskrise hat sich die Unerschütterlichkeit des Idealisten bewährt. Er hat sich mit seinem neuen, langsameren Tagesablauf angefreundet, legt ausreichend Ruhe- und Erholungsphasen ein. „Wenn man die neuen Rahmenbedingungen akzeptiert und das Leben neu organisiert, ist es, als wäre es immer so gewesen. Damit sind diese Veränderungen keine Handicaps mehr, ich lebe auch jetzt intensiv.“ In diesem neuen Leben hält die Begeisterung fürs Gemeinsame an: „Ich hab genug positiv denkende Freunde. Wir entwickeln tausend Argumente, warum ein Projekt funktionieren kann. Die Kunst ist es, die Aufmerksamkeit auf die Lösungen und nicht auf die Hindernisse zu richten.“